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Rede Wiebke Lohmann-Kaesberg zum Holocaust - Gedenken am 27. Januar 2026 in Verden

27. Januar 2026 - Gedenkveranstaltung in Verden /Aller zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau

Organisatoren: Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert e.V.
in Kooperation mit dem Verein Verdener Waggon im Netzwerk Erinnerungskultur e.V.
Hauptansprache der Rednerin Wiebke Lohmann-Kaesberg

„Sehr geehrte Damen und Herren!
‚Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf‘ Dieses Zitat wurde vom Philosophen Thomas
Hobbes geprägt und es kam mir immer wieder in den Sinn, als ich mir das Grauenhafte
vor Augen führte, was die Soldaten der Roten Armee heute vor 81 Jahren in Auschwitz
vorfanden. Doch je mehr ich mich mit diesem größten Menschheitsverbrechen
beschäftigte, wurde mir klar: Der Satz von Hobbes stimmt so nicht. Das würden Wölfe
nie tun.

Es sind die Menschen, die so grausam sein können. Wir bezeichnen die Taten der Nazis
zwar als „unmenschlich“, aber ist das richtig? Keine andere Spezies würde ihresgleichen
so etwas antun. War das, was geschehen ist, nicht im Gegenteil ‚menschlich‘? Darüber
habe ich in der Vorbereitung auf diese Rede nachgedacht und mir die Frage gestellt, was
es in uns Menschen ist, das uns fähig macht, andere zu unterdrücken und ihnen
grenzenloses Leid zuzufügen. Und was kann jeder und jede Einzelne von uns tun, damit
so etwas wie die NS-Zeit sich niemals wiederholt?

Auf diese Fragen werde ich in meiner Rede eingehen, doch zunächst teile ich einige
Zahlen und Fakten mit Ihnen über Auschwitz und den Holocaust, denn es gibt immer
mehr Menschen - besonders unter jungen Erwachsenen -, die diese Begriffe nicht mehr
einordnen können oder nur wenig darüber wissen.

Sie werden Aussagen von Zeitzeugen hören und Ausführungen darüber, was die
deutsche Bevölkerung wusste. Danach komme ich auf die Eingangsfragen zurück – auch
vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in unserem Land und in der Welt.
Und es ist gut, dass wir heute hier zusammenstehen, um uns gemeinsam zu erinnern für
die Zukunft. Darin sind wir verbunden – hier miteinander und auch mit Tausenden von
Menschen an anderen Orten in der Welt, die heute diesen Gedenktag begehen.
Und vielleicht kennen Sie das Friedenslied mit der Zeile „Wo Menschen sich verbünden,
den Hass überwinden, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter
uns.“ Das wünsche ich uns für diese Veranstaltung – auch wenn wir uns jetzt sehr
dunklen Kapiteln unserer Vergangenheit zuwenden.


Als ich im August 1989 im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und in
Auschwitz Birkenau war, war mir schlecht. Ich war 14 Jahre alt und erinnere mich, wie
ich auf einer Bordsteinkante zwischen den Baracken saß und es einfach nicht fassen
konnte. Die Räume voller Haare, Schuhe, Brillen und Koffer der Ermordeten hatten für
mich so eindrücklich sichtbar gemacht, was eine bloße Zahl wie 1,3 Millionen nicht
kann: so viele Menschen, so viel Leid, so viel Menschenhass und Vernichtung!
Die griechischen Begriffe ‚hólos‘ und ‚kaustos‘ werden übersetzt mit ‚vollständig
verbrannt‘. Holocaust steht heute für die massenhafte Vernichtung menschlicher Leben,
insbesondere der Leben von jüdischen Menschen. Und das zeigt die Gedenkstätte in
Auschwitz bis heute.

1,3 Millionen Menschen wurden dorthin, in das größte Lager der Nazis, deportiert; 1,1
Millionen wurden dort ermordet, davon über eine Million Menschen jüdischer Herkunft,
140.000 Polinnen und Polen, zehntausende Sinti und Roma, Kriegsgefangene, politische
Gegner, Priester, Behinderte, Homosexuelle und andere, die nicht ins Welt- und
Gesellschaftsbild der Nazis passten.

Das Lager in Auschwitz war eine „Mordfabrik“ und steht heute weltweit als Symbol und
Synonym für die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, insbesondere den
massenhaften und systematischen Mord an Jüdinnen und Juden. Über 800.000 von
ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Auschwitz umgebracht, andere starben
aufgrund der Arbeitsbedingungen, aufgrund von Hunger, Krankheiten, medizinischen
Versuchen und Exekutionen.

In Verden wohnten Anfang der 1930er Jahre ungefähr 80 jüdische Menschen und etwa
ein Dutzend von ihnen kam in Auschwitz ums Leben, andere wurden in Minsk
umgebracht, in Theresienstadt und anderswo. Einige konnten früh genug emigrieren.
Ungefähr 40 Personen der jüdischen Bevölkerung von Verden überlebten, nur vier
kehrten später hierher zurück. Von all ihren Schicksalen zeugen die Stolpersteine, die
kleinen in den Bürgersteig eingelassenen Messingplatten mit Namen und Lebensdaten,
die hier in Verden wie in vielen deutschen Städten an die Opfer des Nationalsozialismus
erinnern.

Als ich damals in Auschwitz war, erschreckte mich - genau wie heute - die
Menschenverachtung, die Grausamkeit der Demütigungen, der Vernichtungswille durch
Entrechtung, Erniedrigung und Gewalt. Tag für Tag selektierten die Nazis Männer, Frauen
und Kinder in lebenswert und nicht lebenswert und vernichteten sie – sogar mit Lust.
So sagte es auch ein SS-Offizier, den Anne-Marie Fabian in ihren
Tagebuchaufzeichnungen aus Auschwitz zitierte – nachzulesen im Buch „Lyrik nach
Auschwitz“. In ihrer Aufzeichnung vom 18.12.1940 beschreibt Frau Fabian die Rede
dieses Offiziers bei der Ankunft der Verschleppten.

Er sagte:
„… Ihr kamt durch das Haupttor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“.
Heraus kommt Ihr nur durch den Schornstein des Krematoriums…
Für uns seid Ihr keine Menschen, nur Mist.

Wir werden Euch – mit wirklichem Behagen – durch die Roste der Öfen jagen. Vergesst
Eure Familien, Eure Frauen und Kinder. Hier werdet Ihr wie Hunde verrecken. ….“
Bei meinem Besuch der Gedenkstätte machte mich die brutale Perfektion sprachlos,
mit der Nazis ihre Mitmenschen verdinglichten. Sie raubten alles, was ihre Opfer hatten,
und schickten es „heim ins Reich“ und nach der Ermordung schändeten sie das, was
sterblich an ihnen war, indem sie es „weiterverarbeiteten“. So wurden die Haare, die ich
sah, zu Garnen und Filzstoffen verarbeitet, die Asche der Ermordeten als Dünger auf die
Felder gebracht, die Knochen gemahlen und zu Seife verarbeitet und vieles
Abscheuliches mehr.

Ein wichtiger Teil des Vernichtungssystems war auch die Eisenbahn. Nur durch das
Schienennetz der Reichsbahn und Tausende zweckentfremdete Vieh - und
Güterwaggons war die Massenvernichtung logistisch möglich. Millionen von Menschen
wurden in diesen Waggons durch ganz Deutschland und Europa transportiert – auf
grausamste Weise.

Zwei dieser Bahnlinien führten auch durch den Landkreis Verden. Eine von Bremen
Richtung Osten über Ottersberg, Rotenburg und Harburg und eine über Langwedel,
Kirchlinteln, Visselhövede, Soltau. Vor dort ging es mit Transportlastwagen nach Bergen-
Belsen.

Einige Reichsbahn-Güterwaggons sind als Mahnmale erhalten: Einer davon steht heute
auf dem Gelände der Berufsbildenden Schulen in Verden. Die Gedenkstätte erinnert mit
Infotafeln an Geschehnisse in der NS-Zeit, insbesondere an das Thema Zwangsarbeit.
2018 hatte sich der „Verein Verdener Waggon im Netzwerk Erinnerungskultur e. V.“ als
Trägerverein gegründet und sich für den Erhalt des Waggons eingesetzt. Er war 2007
genau am 26. Januar – also am Vorabend zum internationalen Gedenktag – durch
Brandstiftung geschändet worden. Im Juni 2021 wurde er als Gedenk-, Lern- und
Erinnerungsort nach der Renovierung erneut eingeweiht.

Besuchen Sie den Verdener Waggon! Das Gelände ist ganztägig öffentlich zugänglich.
Und es ist sehr eindrücklich, im Waggon zu stehen und sich vorzustellen, man wäre
darin tagelang eingesperrt mit 70 anderen Menschen auf engstem Raum mit
unbekanntem Ziel. Esther Bejarano musste das erleben und hat es später in ihrem Buch
„Erinnerungen“ beschrieben. Sie war eine Musikerin jüdischer Herkunft, die Auschwitz
überlebt hat und bis zu ihrem Tod 2021 eine unermüdliche Zeitzeugin war. Auch zur
Einweihung des Verdener Waggons war sie eingeladen. Leider erkrankte sie kurz vorher
und verstarb.

Ihre Erfahrung beschrieb Frau Bejarano wie folgt:
„Wir kamen in ein Sammellager. Innerhalb einiger Tage waren wir schon über tausend
jüdische Menschen und wurden in Viehwaggons auf Transport geschickt. Wohin der Zug
fuhr, wussten wir nicht. Die Waggons waren überfüllt. Man konnte sich kaum bewegen,
und wenn man mal austreten wollte, musste man über die Menschen steigen, um an die
in einer Ecke stehenden Kübel zu gelangen. Die Luft in den Waggons war miserabel, im
Lauf der Zeit wurde sie immer schlechter. Viele alte und schwache Menschen starben
auf dem Transport. Wie lange wir fuhren, weiß ich nicht mehr. (…) Alle hatten wir
dieselbe Frage auf den Lippen: Wohin bringt man uns? (…) Der Zug hielt mehrmals.
Durch das kleine vergitterte Fenster konnten wir nicht erkennen, wo wir hielten. Jedes
Mal dachten wir, jetzt sind wir erlöst, jetzt können wir der stinkigen Luft entfliehen. Aber
dann fuhren wir weiter. Nach ein paar Tagen nicht beschreibbaren Erlebens hielt der Zug
endlich am 20. April 1942. Und die Türen der Waggons wurden geöffnet.

Wir stiegen aus den Waggons. (…) Die Männer, die wir für Vorarbeiter hielten, sagten, wer
krank oder gehbehindert sei, solle auf die Lastautos steigen, außerdem sollten das auch
Mütter mit kleinen Kindern, schwangere Frauen und Frauen über 45 Jahren tun, da der
Weg zum Lager ziemlich lang sei. Viele stiegen auf die Wagen. (…) Die Autos fuhren in
die Gaskammer, was wir damals noch nicht wussten.“ Zitatende

An dieser Stelle ist mir eigentlich nur noch nach Schweigen zumute. Sechs Millionen
jüdische Menschen, 1,5 Mio. Kinder, die zum Teil heute sogar noch leben könnten und
die Millionen Nachfahren hätten haben können… Was für ein Schmerz, was für ein
Verlust für uns alle!

Aber es ist nicht die Zeit zum Schweigen. Darum fahre ich fort.
Die Transporte von Millionen von Menschen – auch durch unsere Region – blieben nicht
unbemerkt durch die Bevölkerung vor Ort:
Ich lese einen Abschnitt aus Eberhard Sievers Schrift „Gott, sammle meine Tränen in
Deinen Krug“:
„Als sich der fürchterliche Zweite Weltkrieg 1944 schon seinem Ende zuneigte, hatte ich
als Fahrschüler auf dem Bahnhof Nordstemmen ein schreckliches Erlebnis. Ich stand
mit meinen Freunden zusammen auf dem Bahnsteig, um auf einen Anschlusszug zu
warten.

Es kam ein Güterzug an, der aus irdenwelchen Gründen auf dem Bahnhof halten
musste. Sogleich sprangen Soldaten mit Stahlhelm und Gewehr heraus, um den Zug zu
bewachen. Da ging mir ein schrecklicher Anblick unter die Haut: in den bewachten
Güterwagen waren Menschen! Die roten geschlossenen Güterwagen hatten oben kleine
Lüftungsklappen, und hinter diesen schauten lauter Gesichter, ausgemergelte, ernste
Gesichter mit großen dunklen Augen heraus. Doch es war still, kein menschlicher Laut
war aus den Waggons zu hören, nur die traurigen Gesichter, dicht gedrängt an den
Lüftungsklappen waren zu sehen. Mit einem Pfiff setzte sich der Güterzug voller
totenstiller Menschen wieder in Bewegung Richtung Norden. Todgeweihten hatte ich in
die Augen geschaut. Ich konnte mir die Beobachtung nicht erklären, doch ich ahnte
Schreckliches. Mit niemandem sprach ich über das Erlebnis. Es war ja nicht möglich,
jemand um Aufklärung eines militärischen Geheimnisses zu fragen.
Dieses war aber einer der vielen Züge, die in dieser Zeit Gefangene aus anderen
Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen brachten, …“ Die meisten von ihnen kamen
dort zu Tode.

Herr Sievers sprach von einem militärischen Geheimnis. Es stimmt, dass der Judenmord
anfangs als „Geheime Reichssache“ in Gang gesetzt worden war. Doch es gab nicht nur
Auschwitz und andere Lager im Osten, sondern auch in Deutschland waren rund 40
Konzentrations- und/oder Vernichtungslager. Zusammen mit ihren Außenlagern, mit
weiteren sogenannten Arbeits- und Erziehungslagern für Behinderte und den Lagern für
Zwangsarbeitende gab es fast 24.000 Lager. Diese lagen in der Nähe von oder sogar
mitten in Städten und Siedlungen. Da gab es viele Nachbarn!

Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass viele Deutsche mehr wussten, als es 1945
den Anschein hatte. Der Historiker Bernward Dörner zeigte, dass die Mehrheit der
Deutschen im Sommer 1943 damit rechnete, dass alle im NS-Herrschaftsbereich
lebenden Juden umgebracht werden sollten. Und er schrieb: „Die meisten wussten
genug, um nicht mehr wissen zu wollen.“ Was für eine krasse Aussage!

Doch viele schauten nicht nur weg sondern machten aktiv mit. Der kanadische
Geschichtsforscher Robert Gellately zeigte in seinem Buch „Backing Hitler“ – was so
viel heißt wie „Hitler unterstützen“ – welche Ausmaße das Denunziantentum unter der
deutschen Bevölkerung hatte, also das Anschwärzen oder Melden einer Person bei einer
übergeordneten Stelle.

Die Gestapo – die Geheime Staatspolizei – habe nur 12% ihrer Opfer selbst ermittelt.
Alle anderen wurden von ihren Mitmenschen angeschwärzt – häufig mit dem Ergebnis,
dass jemand bestraft, festgenommen oder sogar getötet wurde.

Und von den KZs sollten die Deutschen sogar wissen, erklärt Gellately in seinem 2001
erschienenen Buch. „Die Nazis erhofften sich Zustimmung nicht trotz der KZs, sondern
wegen der KZs.“ Es gab Fotoreportagen über KZs in Zeitschriften und in Dachau gab es
sogar einen Tag der offenen Tür. Man war stolz auf sein KZ, da es für Ordnung sorgte, und
es gab sogar Menschen, die sich als ehrenamtliche Henker bewarben.
Und damit komme ich zu der Eingangsfrage:

Wie kann es dazu kommen, dass Menschen andere Menschen unterdrücken, sie als
nicht lebenswert einstufen, sie gar selbst indirekt oder direkt ermorden?
Über zehn Millionen Menschen waren ja direkt oder indirekt für das Regime tätig. Waren
all diese Menschen anders als Sie und ich? Oder hätten auch Sie und ich zu diesen zehn
Millionen gehören können? Ich gehe davon aus, dass auch in mir und den meisten
anderen Menschen das angelegt ist, was so ein System möglich macht.
Muss ich mich also vor dem „Bösen“ in mir fürchten, das hervorkommt, wenn
bestimmte Bedingungen erfüllt sind im gesellschaftlichen oder politischen System?
Hannah Arendt, eine bekannte deutsch-jüdische politische Theoretikerin und Publizistin
des 20. Jahrhunderts, entwickelte ein Konzept des „Bösen“. Darin dreht es sich um die
‚Banalität des Bösen‘, das aus Gedankenlosigkeit und dem Fehlen von Reflexion
entsteht, wie sie es beim SS-Führer Adolf Eichmann im Prozess beobachtete. Es geht
nicht um teuflische Bosheit, sondern um bürokratische Funktionäre, die Befehle
befolgen und die moralischen Konsequenzen ihrer Handlungen verdrängen, was zu
unvorstellbarem Leid führt.

Sie beobachtete und beschrieb, dass Täter sich weigern, „Person zu sein“, indem sie
aufhören zu denken und zu reflektieren, was sie zu bloßen Rädchen in einer Maschine
macht. Arendt schlussfolgerte: Eine Ethik nach Auschwitz müsse also auf Denkfähigkeit
und Erinnerung beruhen, denn gerade die Verweigerung dieser Fähigkeiten ermögliche
das Böse.

Der Ansatz der Wissenschaftlerin erhielt weltweite Aufmerksamkeit und ist hoch
umstritten. Er wurde von vielen als Verharmlosung der NS-Verbrechen und ihrer
„gedankenlosen“ Täter empfunden. Diese Gedanken lasse ich heute hier im Raum
stehen und versuche weiter, den Menschen und sein Verhalten besser zu verstehen.
Homo sapiens bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt "weiser Mensch" oder
"verständiger Mensch". Und das Gewissen - um das es Frau Arendt ja auch ging - wird oft
als ein entscheidendes Merkmal angesehen, das den Menschen vom Tier unterscheidet.
Es verleiht dem Menschen die Fähigkeit zur moralischen Selbstreflexion über Gut und
Böse.

Die Verbrechen , die von den Menschen in der NS-Zeit begangen wurden, konnten nur
geschehen, weil Millionen dieser Menschen aufgehört hatten, auf ihr Gewissen zu
hören.

Aber was bedeutet eigentlich das Wort Gewissen? Sprachlich gesehen bedeutet es die
‚Gesamtheit allen Wissens‘. Die Vorsilbe Ge- steht im Deutschen für ‚Gesamtheit‘ so wie
z.B. das Wort Ge-birge die Gesamtheit aller Berge meint.
Wenn es das ist, was Sie und mich als Mensch auszeichnet, frage ich mich: Wo in mir
finde ich dieses Gewissen? Wie bekomme ich Zugang dazu? Und wie kann ich es
schaffen, dass mein Gewissen wach bleibt?

Die Gesamtheit allen vorhandenen Wissens kann ich nach meiner Ansicht nicht über
den Kopf erreichen. Dafür reicht die Kapazität unseres Denkens nicht aus.
Aus meiner praktischen und theoretischen Beschäftigung mit Religionen und
Spiritualität kann ich sagen, dass der Ort, wo wir Zugang zu allumfassendem Wissen
haben, das Herz ist. Das mag vielleicht überraschen, weil viele mit dem Wort so etwas
wie Seifenoper-Herzschmerz, Esoterik und Irrationalität in Verbindung bringen. Aber das
ist hier nicht gemeint. Damit wird das Herz in seiner Bedeutung missverstanden.
In der Kultur und Sprache vieler Länder hat das Herz eine zentrale Bedeutung für den
Menschen und das Menschsein. Es wird als Sitz von Liebe, Weisheit, Kraft und Heilung
angesehen sowie als Zugang zum Göttlichen.

Tatsächlich wird in allen Weltreligionen vermittelt, dass die höchste geistige Instanz –
wie auch immer sie jeweils genannt wird - durch das Herz zu einem spricht bzw. im
Herzen wohnt.
In der Bibel heißt es im Alten Testament: „Mehr als alles, was man sonst bewahrt,
behüte Dein Herz; denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens“ (Sprüche 4,23) Oder
im neuen Testament: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott
schauen.“ (Matthäus 5,8)

Die Hindus sagen über das Göttliche: „Ich wohne im Herzen eines jeden Menschen.“ Im
Buddhismus heißt es: „…Alles, was Du bist, entsteht aus Deinem Herzen.“ Ein
arabisches Sprichwort sagt: „Das Herz versteht, was der Verstand nicht begreifen kann.“
Ich könnte das noch fortführen.

Eine Kernaussage aller ist: Hier im Herzen haben wir Zugang zu Liebe, Mitgefühl und
Menschenfreundlichkeit. Und damit ist für mich hier der Ort meines Gewissens und
meinen klaren Verstand - die Denkfähigkeit - , die brauche ich, um das, von dem ich
weiß, dass es gut ist, in die Tat umzusetzen.

Auf unsere Herzensimpulse können wir hören oder es lassen. Wir haben die freie Wahl.
Aber wenn wir lange genug nicht hinhören, wird diese Stimme leiser werden und
irgendwann verstummen. Und mancher von uns weiß: Es ist sehr schmerzhaft, das
eigene Herz zu verschließen -aus welchem Grund auch immer. Es entspricht uns
Menschen nicht und ist auch nicht gesund.

Aber was muss wohl alles geschehen, bis jemand kaltherzig und herzlos wird, wie es die
Nazis waren? Denn das, was ich in Auschwitz sah, waren Zeugnisse absoluter
Herzlosigkeit. Und insofern trifft der Begriff „Unmenschlichkeit“ in meinen Augen doch
zu. Weil im KZ eine wesentliche Eigenschaft des Menschen keinen Raum haben sollte:
die Fähigkeit zu lieben, mitzufühlen und mitmenschlich zu sein.

Davon, dass die Nazis Gefangenen diese Eigenschaft jedoch nicht nehmen konnten, gibt
es berührende Berichte. Beispiele von Menschen, die auch unter diesen unvorstellbaren
Umständen ihr Herz offenhalten konnten - wie Dietrich Bonhoeffer, der kurz vor seiner
Hinrichtung ein Gedicht verfasste, aus dem später das bekannte Lied „Von guten
Mächten wunderbar geborgen“ wurde, das so vielen Menschen heute noch Trost
spendet.

Und auch uns kann heute niemand die Gabe nehmen, zu lieben, mitzufühlen und
menschenfreundlich zu sein. Unser Herz offen zu halten, dafür können wir uns immer
wieder neu entscheiden – auch und gerade in dieser Zeit, in der rassistische,
antisemitistische und sexistische Aussagen zunehmen.
Es ist natürlich sehr erschreckend, wenn Regierende der USA über Migrantinnen
sprechen – wie jüngst in Davos. Die Rhetorik erinnert zu sehr an dunkle Zeiten der
Vergangenheit.

Oder wenn in unserem Land im Deutschen Bundestag Menschen anderer Kulturen und
Religionen von einer AfD-Politikerin als „Taugenichtse“ bezeichnet und sie bezichtigt
werden, unseren Wohlstand zu schmälern.

Auch eine große Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft als "Stadtbild" zu
titulieren, ist eine Form von Entmenschlichung.

Das spaltet, schürt Ablehnung und macht Angst. Doch Angst – nicht Hass - ist das
Gegenteil von Liebe. Wer Angst hat, macht sein Herz zu und kann nicht mehr gut
nachdenken. Das dürfen wir nicht zulassen! Angst ist die eigentliche Gefahr für
unsere Demokratie! Und zwar die Angst der Rechtsextremen genauso wie die Angst in
uns anderen, wenn wir nicht die Stimme dagegen erheben. Wenn wir Angst haben,
überfluten - Studien zufolge - Stresshormone unser Gehirn. Es schaltet auf
Überlebensmodus und man kann nicht mehr auf komplexes Wissen zugreifen. Angst
macht sozusagen ‚dumm‘ und im schlimmsten Falle gewissenlos und brutal!
Die Herausforderung ist jetzt mehr denn je, wach zu bleiben im Fühlen und im Denken,
auf unser Gewissen zu hören und ihm Folge zu leisten mit mutigen Worten und Taten
gegen jegliche Menschenfeindlichkeit in unserem Umfeld. Wir dürfen nicht schweigend
zusehen – auch wenn Widerstand zu leisten Angst macht.

Es gibt viele Wege, das zu tun. Hier vor Ort gibt es den Verein WABE e.V., der u.a. Träger
der mobilen Beratung Niedersachsen ist, die sich einsetzt gegen Rechtsextremismus
und für Demokratie. Dorthin kann man sich wenden, um Vorfälle zu melden, sich
beraten zu lassen und natürlich kann man sich auch im WABE-Bündnis engagieren.
Und ja: Es ist wichtig, dass wir uns erinnern! Nicht eines der NS-Opfer darf vergessen
werden, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Nicht die ermordeten Menschen
aus Verden wie z. B. Familie Baumgarten, Eugen Steinberg und Henriette Goldschmidt
und niemand von all die anderen. Lernen wir von Ihnen, unsere Menschenfreundlichkeit
unter allen Umständen zu bewahren.

Ein letzter Gedanken: ‚Er-innern‘ kommt vom mittelhochdeutschen innern, was so viel
heißt wie "inne werden", also zu sich kommen, bewusst werden. Und genau das ist
meines Erachtens jetzt gefragt: Dass wir zu uns kommen, uns nicht ängstigen und
verwirren lassen und aus unserem Inneren heraus bewusst handeln.
Er-innern wir uns für die Zukunft und kämpfen wir für die Wahrung der Menschenrechte,
der Freiheit, der liberalen Demokratie und für fortwährenden Frieden unter uns
Menschen!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

Kontakt:
Wiebke Lohmann-Kaesberg
Freie Rednerin & Moderatorin
info@herzweg.de
www.herzweg.de

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